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26.08.2018

Para-Europameisterschaften Berlin

An den World Para Athletics Europameisterschaften in Berlin gewinnt Abassia Rahmani das Rennen über 200 Meter. Bis kurz vor dem Start war aber unklar, ob Abassia überhaupt antreten wird. Seit gut drei Wochen hat sie eine kleine Verletzung und kann nur unter Schmerzen sprinten. Harte Trainingseinheiten waren gar nicht mehr möglich und es war unklar, ob sie eine halbe Bahnrunde überhaupt durchsteht. Aufgeben wollte Abassia aber auf keinen Fall. Ausserdem hatte sie nach dem verpatzten Start über 100 Meter und der verpassten Medaille noch eine Rechnung offen. Mindestens sollte es ein versönlicher Saisonabschluss werden. 

Die Chance auf den Titelgewinn war gross, das Risiko zu verlieren ebenso. In der T62-Kategorie (beidbeinig Unterschenkelamputierte) traten nämlich nur zwei Frauen an. Die Weltrekordhalterin aus Holland (Marlou van Rhijn) macht einen Sabatical, eine zweite Holländerin wurde nicht selektioniert, zwei Italienerinnen haben ihre Karriere altershalber bzw. wegen einer Regeländerung an der Nagel gehängt. So kam es zu einem Duell, das in der Leichtathletik ganz selten ausgetragen wird (z.B. 1997 Donovan Bailey vs. Michael Johnson über 150 Meter). Die Dramaturgie spitze sich zu: Regen setzte ein, starke Windböen kamen hinzu.

Der Starter gibt das Signal, Abassia wartet, sie will nicht als erste in die Startposition, die Spanierin hinter ihr wartet ebenfalls. Abassia blickt leicht zurück. Dann geht die Gegnerin in die Blöcke. Dieses Duell entscheidet Abassia für sich. Startschuss. Die Spanierin startet schneller und mit hoher Frequenz gelingt es ihr, die Kurve etwas besser zu laufen. Immer wieder sieht man bei Abassia Unregelmässigkeiten im Laufstiel, der Hüftbeuger zwickt. Auf der Gerade kann Abassia längere Schritten machen. Kann sie es durchziehen oder bremst sie ihr eigener Körper? Die Uhr stoppte in 29.32 (-1.5m/s). Abassia ist glücklich, das Ziel als Erste überquert zu haben. Sie ist Europameisterin.

Die Zeit war "schlecht", bemerkte sie nach dem Rennen. Vor 10 Tagen war sie noch über eine Sekunde schneller gesprintet und das Saisonziel war eigentlich eine 27er-Zeit. 

Später wurde ihr die Goldmedaille überreicht. Ganz alleine war sie auf dem Podest, denn bei kleinen Startfeldern gilt die n-1-Regel (z.B. werden bei drei Startenden zwei Medaillen verteilt).

Die Medaille hat sie sich verdient, denn sie ist in diesem Jahr die einzige T62-Läuferin, die sich über 100 oder 200 Meter verbessern konnte. In der Zukunft muss sich Abassia aber noch mehr auf die kürzere Distanz konzentrieren, wo die Konkurrenz viel stärker ist. In Tokio wird es nämlich keinen 200er für sie geben. Für einen Finalplatz oder eine Medaille an paralympischen Spielen wird sie sich noch extrem steigern müssen (mindestens eine halbe Sekunde). Daran wird sie bald arbeiten. Zuerst hat sie sich aber eine Pause verdient.

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